Mitteilung 6

Theresia Schüllner legt die Schriftzeichen als Bedeutungsträger in ihrer Offenheit aus. Zitiert wird aus dem Kanon der Welt-Literatur, dem Original getreu in Wortlaut sowie in Autographie, der Text wird jedoch in einem anderen pragmatischen Kontext präsentiert.

Die Autographen sind hier zu lesen als eine Zeichenfolge, eine fortlaufende Textur, oder sie werden in einzelne Schriftzeichen zerteilt und überdimensional wiedergegeben, damit ihre grafische Gestalt hervorgehoben wird. Sie werden auf Gaze (sieb-)gedruckt, in transparenten Folien gerollt und, zu Stelen verwandelt, frei in den Raum gestellt als Denkmäler.

Die Klarheit der Komposition und die wohlstrukturierte Farbigkeit, die sich übrigens auch in den Künstlerbüchern von Schüllner unter Beweis stellen, lenken die ganze Aufmerksamkeit auf die Schriftzeichen. Die handschriftliche Eigenart der Autoren und Autorinnen sorgt bereits für das mannigfaltige Erscheinungsbild der Bildflächen. Zum Teil legen sie die Persönlichkeit des Urhebers und Aspekte des dichterischen Schaffensprozesses offen, wie dies ihre Ausstellungen zu Annette von Droste-Hülshoff (Münster 1997) oder zu Heinrich Heine (Düsseldorf 1994) überzeugend darstellen. Andererseits wird die Bedeutung und der Standort der Poesie in der Gesellschaft festgelegt: lichtundurchlässige Zeichen, äußerst beladen durch den Gehalt und die überlieferte Kanonisierung, postuliert auf einem unsichtbaren Hintergrund. Der Text steht für sich da, als die dichterische Wahrheit, herausgezogen aus ihrem ursprünglichen Kontext, offen für jede Interpretation.

Niteen Gupte, Dresden, 18.01.2002
Theresia Schüllner: Transparent, die Poesie
28.02.2002-24.04.2002
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